Nachrichten & Termine zu Darfur (Sudan)

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Darfur im Sudan: Nachrichten und Termine

Aus Ruanda wenig gelernt [14.07.2004]

Adam I. Eltom, Gründer Darfur-Hilfe e.V. Mehr als ein Jahr brauchte die internationale Politik, um auf das Vertreiben und Morden im Westsudan zu reagieren. Jetzt, nach 30 000 Toten und etwa einer Million Flüchtlinge, sprechen Helfer von der weltweit größten humanitären Krise seit Jahren. Fragen an Adam Ibrahim Eltom, Gründer der Darfur-Hilfe Deutschland, zum Drama in seiner Heimat.

Herr Eltom, Sie stammen aus der Krisenregion Darfur. Welche Berichte über die Lage erreichen Sie?

Ich habe erst vor vier Tagen mit Menschen in einem der Flüchtlingslager im Grenzgebiet von Tschad telefonieren können. Sie leben in großer Angst, dass sie bald ohne medizinische Versorgung und Nahrung sein werden. Zwar sind derzeit noch Hilfsorganisationen vor Ort, doch in Kürze beginnt die Regenzeit, die viele Straßen unpassierbar machen wird. Hinzu kommt die Furcht vor neuen Angriffen der Milizen. Die Djandjawid haben schon wiederholt Flüchtlinge im Tschad überfallen.

Helfer sprechen von der schlimmsten humanitären Krise der vergangenen Jahre weltweit.

Das ist leider keine Übertreibung. Das Schlimmste ist die hohe Kindersterblichkeit. Viele Kinder sind unterernährt und haben wegen der schlechten hygienischen Verhältnisse Durchfall und andere Infektionskrankheiten. Wenn der Regen einsetzt wird auch Malaria wieder zunehmen. Der Tschad ist ein armes Land, das Leben der Flüchtlinge hängt von den Hilfsorganisationen ab.

Der sudanesische Präsident el Baschir hat nach Gesprächen mit Kofi Annan zugesagt, die Milizen zu entwaffnen. Hat das Morden im Westsudan damit ein Ende?

Die Regierung in der Hauptstadt Khartoum steht zwar momentan unter großem Druck der Weltgemeinschaft, doch ich glaube el Baschir erst, wenn er seinen Worten Taten folgen lässt. Im Südsudan hat Khartoum auch lange mit leeren Versprechungen auf Zeit gespielt.

Die Regierung bestreitet, mit den mordenden Milizen zu tun zu haben. Ist sie denn wirklich in der Lage, auf sie einzuwirken?

Wenn sie wirklich will, kann sie es. Tine, der Ort, in dem ich geboren wurde, ist heute menschenleer. Mein Onkel gehörte als Bürgermeister zu den letzten Menschen, die geflohen sind. Er hat gesehen, wie die Regierungssoldaten Tine mit Flugzeugen angegriffen haben, bevor sie den Milizen den Rest überließen. Die Regierung hat nicht nur Einfluss auf die Djandjawid, sie arbeitet mit ihnen zusammen und rüstet sie mit Waffen und schnellen Autos aus.

Die meisten Flüchtlinge sind nicht in die Lager im Tschad gelangt. Was ist über ihren Verbleib bekannt?

Nur wenig. Ich habe Berichte von Lagern in Süddarfur gehört, die von der Regierung eingerichtet und von Milizen bewacht werden. Die Menschen werden hinter Stacheldraht gehalten und bekommen kaum Nahrung. Augenzeugen berichteten, dass dort Männer ermordet und Frauen vergewaltigt werden.

Im Südsudan, wo sich seit Jahrzehnten Regierungsarmee und Widerstand einen blutigen Bürgerkrieg liefern, kommt ein Friedensprozess in Gang. Ist es zufällig, dass gerade jetzt im Westen ein weiterer Krieg ausbricht?

Die Ursachen für die Kriege sind im Wesentlichen die gleichen: die Vernachlässigung der Region durch die Regierung, die bittere Armut und Unterentwicklung, in der die Menschen leben. In meinem Geburtsort Tine gibt es noch nicht einmal ein Schulgebäude. Wir lernten in Hütten, in denen es im Winter so kalt war, dass wir heiße Steine unter unsere Füße legten. Es gibt keine medizinische Versorgung. Mit den Friedensgesprächen im Süden stieg im Westsudan die Furcht, nun von der Welt völlig vergessen zu werden.

Nicht zu Unrecht, schließlich haben die westlichen Diplomaten beharrlich über Darfur hinweggeschaut, um bloß nicht die Verhandlungen im Süden zu gefährden.

Stattdessen hätte man den Westsudan in die Verhandlungen einbeziehen müssen. Die Antwort war der aufgeflammte Widerstand in der Region gegen die Regierung.

. . . auf die Khartoum gemeinsam mit den Milizen blutig antwortet. Es gibt Beobachter, die das Wort "Völkermord" gebrauchen, während die UN von dieser Einschätzung noch Abstand nimmt. Haben wir es im Westsudan mit einem Genozid zu tun?

In habe in Ruanda gesehen, wie schrecklich Menschen miteinander umgegangen sind, wie Nachbarn ihre Nachbarn töteten. Dazu ist es im Sudan noch nicht gekommen. Von einer ethnischen Säuberung würde ich noch nicht sprechen. Doch es gibt jetzt schon mehr als 30 000 Tote und wenn die Weltgemeinschaft nicht schnell reagiert, werden wir wirklich von einem Völkermord sprechen müssen.

Das Blutvergießen währt schon gut ein Jahr, doch erst jetzt beginnt die Politik zu reagieren. Hat der Westen nichts aus dem Sterben in Ruanda gelernt?

Er hat zu wenig daraus gelernt. Es waren die Hilfsorganisationen, die zuerst Alarm schlugen, lange bevor die Politiker das Problem zur Kenntnis nahmen.

In der UN-Menschenrechtskommission wurde eine Resolution zum Thema bislang verhindert. Wer will die sudanesische Regierung schonen? Es sind vor allem die afrikanischen Länder, die ungern mit Fingern auf das Problem bei Nachbarn weisen. Es könnte ja jemand auf die Idee kommen, auch bei ihnen genauer hinzuschauen. China wiederum hat Konzessionen an der Ölförderung im Sudan. Wegen einer Resolution wird man sich dort das Geschäft nicht verderben.

Wenigstens will die Afrikanische Union Schutztruppen nach Darfur entsenden. Stiftet das Hoffnung?

Ich glaube nicht, dass diese Truppen wirklich etwas zum Guten wenden können. Doch es ist schon gut, dass die Afrikaner selbst in dieser Krise in Erscheinung treten.

Sollte die UN Blauhelme in den Westsudan schicken?

Wenn die Regierung in Khartoum weiter nichts gegen die Verbrechen der Milizen unternimmt, müssten Blauhelme die Menschen schützen und den Hilfsorganisationen den Zugang zu den Bedürftigen sichern.

Hungersnöte, Bürgerkriege - immer wieder gerät der afrikanische Kontinent mit solchen Nachrichten in die Schlagzeilen. Warum findet Afrika keine Wege aus seinen Dramen?

Solange es keinen gerechten Handel in der Welt gibt, wird sich an der wirtschaftlichen Misere auch nicht viel ändern. Viele Länder könnten zum Beispiel landwirtschaftliche Produkte verkaufen, doch auf dem Markt bekommen sie dafür keine gerechten Preise.

Zunehmend fordern doch aber auch vor allem junge Intellektuelle in Afrika, die Schuld für die Misere nicht länger in der Vergangenheit und im Ausland zu suchen . . .

Und sie haben völlig Recht. Die Weltwirtschaft ist das eine, das Unvermögen und die Korruption unserer Eliten zum Beispiel das andere. Die wenigen Ressourcen werden in das Militär oder die eigene Tasche gesteckt, statt damit Bildung und Infrastruktur zu finanzieren. Die meisten afrikanischen Probleme sind heute von uns Afrikanern selbst gemacht. Seit mehr als drei Jahrzehnten sind die afrikanischen Länder unabhängig, es wird Zeit, dass sie endlich auch die Verantwortung für ihre Zukunft übernehmen.

Sie haben gemeinsam mit anderen Sudanesen in Deutschland die "Darfur-Hilfe" gegründet. Was soll eine solcher Verein leisten, was nicht schon die verschiedenen Hilfsorganisationen für den Westsudan tun?

Wir versuchen in Deutschland auf die Lage im Sudan aufmerksam zu machen und wir sammeln auch Spenden für die Not Leidenden. Wir finden es wichtig, als Sudanesen selber einen Beitrag für unsere Landsleute zu leisten, auch wenn er verglichen zur Arbeit großer NGOs gering ist.

Im Augenblick geht es um das Überleben der Flüchtlinge, doch welche langfristigen Hilfen wünschten Sie sich von Deutschland?

Politisch sollte Deutschland auf die sudanesische Regierung einwirken, damit die zu Unrecht Inhaftierten freikommen und die Schuldigen an den Morden und Vergewaltigungen bestraft werden. Außerdem brauchen wird im Westsudan Hilfe beim Aufbau von Schulen und einer Infrastruktur. Nur so werden die Menschen im Westsudan eine Perspektive bekommen.

Gespräch: Elena RAUCH

09.07.2004

14.07.2004 von AH

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